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Die reiche Ernte der Mitmach-Konferenz UTOPIKON

Not just talking about utopia but: living utopia! war das Motto der Utopie – Ökonomie Konferenz UTOPIKON, die vom 5. – 7.11. in der Forum Factory in Berlin stattfand. Die Veranstaltung wurde von living utopia organisiert, einem Projekt- und Aktionsnetzwerk, das Mitmachräume gestaltet, um den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu diskutieren und praktisch umzusetzen. Tobi Rosswog und Pia Damm initiierten living utopia vor drei Jahren, setzen sich für veganes, ökologisches, solidarisches und geldfreies Leben ein und entwickeln neue Strukturen und Organisationsformen, die dies ermöglichen. 

jakob-planung-utopikon

An diesem Wochenende ging es um die Transformation des Wirtschaftssystems, hierzu waren vier keynote speaker eingeladen, und es wurden zahlreiche Workshops zur Vertiefung der Themen angeboten. Am zweiten Tag bestand Gelegenheit, im World Café oder auf dem Markt der Möglichkeiten Ideen vorzuschlagen und Projekte vorzustellen.

Utopikon – Planung, alle Zeichnungen sind von Jakob Kohlbrenner

Im Zentrum stand die Frage, wie die Ökonomie im Sinne vom ursprünglichen Sinn des „oikos“ als gemeinsames Haus zu einer Gemeinschaft mit der Teilhabe aller werden kann. Es geht dabei auch grundsätzlich um die Frage wie wir leben wollen.

Die UTOPIKON gibt darauf eine Antwort, indem sie zeigt, dass es möglich ist eine Konferenz mit 300 Menschen ohne Geld zu organisieren und damit eine geldfreiere Gesellschaft denk- und praktizierbar macht. 

wasserbaumDie Veranstaltung wurde durch den freiwilligen Einsatz eines Organisationsteams und die Bereitstellung des Essens durch foodsharing und Spenden ermöglicht, Forum Factory überlies die zentral in Berlin gelegenen Räume, die ideal waren mit einem Eingangsbereich, einer Bar, in der Leogant filtriertes Wasser spendete, neben grossen Kesseln mit Kaffee und heissem Wasser für Tee. Es gab zwei Sitzecken, eine Leseecke, einen schönen grossen Saal und einigen Räumen für die Workshops im oberen Stock.

Draussen vor der Tür waren im Küchenzelt viele Menschen am Gemüse schnippeln und gingen sonst zur Hand bei allem, was nötig war, um zweimal am Samstag riesige Kessel mit veganem Essen auf Gasflammen zu kochen. Freitagabend und am Sonntagmorgen gab es vegane Mitmach-Büffets, zu denen einige Salate, Brote, Aufstriche und Kuchen zusammen kamen.

Das Essen sowie die Teilnahme an der Konferenz waren natürlich umsonst, ein Geschenk an die ca. 300 Menschen, die unter über 800 Anmeldungen ausgelost wurden. Dass über 50 Zugesagte kurzfristig absprangen war kein Problem, da Viele bereit waren, diesen nachzurücken. Zukünftig wird wohl darüber nachgedacht werden, wie es allen Interessierten ermöglicht werden kann, an der Utopikon teilzunehmen.

Alle die das Geschenk angenommen hatten waren dementsprechend bereit etwas zurück zu geben, und so war die Stimmung auch über das Wochenende. Es gab Raum und Zeit um sich mit einigen lieben Menschen auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. Eine gemütliche Ecke mit Sofas lud zum chillen ein und eine awareness Gruppe sorgte dafür, dass das Treffen harmonisch ablief. Dabei fand die gender Frage besondere Beachtung, praktiziert wurde die gemischte, genderfreie Toilette, und es gab wundersamer Weise kaum Schlangen in den Pausen.

In der Tausch- oder X-Ecke, wobei X für Schenken, Teilen, Umsonst…. steht, wechselten einige Kleider und Gegenstände ihre Besitzer.                                                

                                  

 buechertisch                                                          

                                                                Büchertisch mit einigen Publikationen zum Thema  

 

 

Die Projekte, Initiativen und Netzwerke, die sich in Deutschland wie in aller Welt für eine soziale und ökologische Transformation der Gesellschaft einsetzen sind inzwischen so zahlreich, dass es kaum möglich ist einen Überblick zu gewinnen. Dies gilt auch für die Commons, die jenseits von Markt und Staat entstanden sind, Gemeinschaften, die nach einer anderen Logik funktionieren als die marktwirtschaftliche und kapitalistische Denkweise, mit der auf rechtlichen Grundlagen das Eigentum an Ressourcen definiert wird.

Ein Beispiel, auf das Silke Helfrich in ihrer keynote einging, ist die Kooperative Cecosesola in Venezuela, die die Commonsaktivistin & Publizistin vor kurzem besucht hat. In über 3000 Versammlungen wurde in den letzten 42 Jahren die Versorgung der Bevölkerung der Region selbst organisiert. Cecosesola zeigt, dass dies auch unter schwierigsten Umständen möglich ist, und dass das Entstehen von Hierarchien verhindert werden kann, wenn darüber gesprochen wird.

So wird in den Sitzungen nicht abgestimmt oder versucht einen Konsens zu finden, sondern Lösungen für die Probleme. Es gibt keine Diskussionsleiter, alle können Vorschläge machen und es wird gesagt, was gesagt werden muss, nicht um die eigene Meinung zu bestätigen.

Commons sind daher eine Denk- und Lebensweise, oder wie Peter Linebaugh sagt, es gibt keine commons ohne commoning, ohne Gemeinschaften und deren spezielle Beziehungen. 

Dies ist noch so neu, dass es hierfür noch keine Begriffe gibt, die zu der neuen Logik passen würden.

 

commons

Im anschließenden Workshop mit Silke Helfrich „Commons – eine Entdeckungsreise“ ging es um die Eigentumsrechte, die seit der Römerzeit rechtlich definiert wurden. Commons bieten hierzu eine Fülle an Lösungsmöglichkeiten, um zu einer fairen, freien und nachhaltigen Nutzung der Ressourcen zu kommen. Herausforderungen sind die Überwindung von Angst und Unterwerfung, so wie das Einüben von neuen Praktiken, die in der Runde anhand des Redeverhaltens thematisiert wurden.

 

http://commonsstrategies.org/

 

Video: CECOSESOLA – Auf dem Weg

Nach dem sehr leckeren und üppigen Mittagessen hielt der Ökonomist Niko Paech eine keynote über die Notwendigkeit reduktiver Lebensstile. Dies ist aber durchaus nicht negativ als Verzicht zu verstehen, sondern die Suffizienz ist ein Schutz vor Reizüberflutung durch übermäßigen Konsum und bietet mehr Lebensqualität, weniger ist mehr sozusagen. Das Prinzip der Resilienz wird nur durch Übung neuer Praktiken möglich, sowie durch die Schaffung von Rettungsbooten, mit denen wir uns darauf vorbereiten in einer Welt zu überleben, in der vielleicht nicht mehr alles was wir brauchen so selbstverständlich im nächsten Laden zu bekommen ist. Dazu ist die Vernetzung eine Voraussetzung, er nennt es das „Prinzip der sozialen Diffusion“.

www.postwachstumsoekonomie.org

Dass der Kapitalismus gerade vor unseren Augen zusammenbricht, wird von einigen Autoren wie Jeremy Rifkin (Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft) und David Graeber (Schulden) beschrieben, oder von Paul Mason, der das Zeitalter des Postkapitalismus einläutet. Friedericke Habermann ging in ihrer keynote auf deren Aussagen ein und beschrieb die zukünftige Wirtschaft als Ecommony, die die Commons als Basis hat und in der es um Besitz statt Eigentum geht. Dabei steht das Kürzel FEE für eine Fülle Erzeugende Ecommony, statt eines Systems, dass Mangel erzeugt, weil es ohne diesen es nicht funktionieren kann. Mit dem Wortspiel UmCARE benennt sie dabei auch die notwendige Umkehr von der Logik des Profits hin zu einem Miteinander, das die Kooperation und gegenseitige Fürsorge wieder selbstverständlich werden lässt.

Nach einer weiteren Runde von Workshops gab es am Abend noch eine keynote von Gerrit von Jorck, der Volkswirtschaftler widmet sich dem Zeitmangel. Er selbst verzichtet bewusst auf eine Karriere und lebt von wenig Geld, weil ihm Zeit wichtiger ist, wobei er sich für den Zeitwohlstand für alle einsetzt. Am Beispiel seiner Eltern illustrierte er, wie es z.Bps. Krankenschwestern vorgeschrieben wird, ihre Patienten im Minuten-Takt abzufertigen oder sein Vater anfing sich sportlich zu betätigen, um mit dem Rhythmus in der Firma mithalten zu können. In der Wettbewerbsgesellschaft ist auch die Zeit ungleich verteilt, um die imperiale Lebensweise zu überwinden, ist es nötig zu entschleunigen und eine gute Arbeit zu verrichten, die einer sozio-ökologischen Gesellschaft dienen. Das sind die Herausforderungen der Arbeitswelt 4.0, in der der technische Fortschritt und die Technologien immer mehr Zeit rauben, anstatt die freie Zeit zu erhöhen.

Im World Café entstanden am Sonntag fünf Initiativen, darunter gruppierten sich einige Menschen um Friedericke Habermann, die sich an der Organisation eines größeren Treffens auf dem Fusion Gelände bei Berlin im Sommer 2017 beteiligen wollen.

Parallel hierzu war der Markt der Möglichkeiten gefüllt mit Menschen, die ihre Projekte vorstellten. Dazu am Ende noch eine Zusammenstellung, die nicht vollständig ist und gerne noch ergänzt werden kann.

Der Horizont der Utopien hat sich an diesem Wochenende stark erweitert, die UTOPIKON zeigt, dass vielmehr möglich ist, als wir uns vorstellen können und es jetzt darauf ankommt, neue soziale Praktiken einzuüben, mit denen wir die Welt retten können. In der Praxis erweitert sich unsere Vorstellungskraft und durch einen Vertrauensvorschuss lernen wir auf andere zuzugehen und uns auf sie zu verlassen. Es ist eben nicht die Konkurrenz, die die Entwicklung vorantreibt, sondern Kooperation und liebevolle Beziehungen. Bleibt nur zu wünschen, dass viele weitere UTOPIKONS entstehen um die Utopien lebendig werden zu lassen!

 

Foto: Angela Küster

Projekte und Initiativen, die auf der Utopikon vorgestellt wurden:

Die Akademie für gutes Leben arbeitet daran, Antworten auf die globalen Herausforderungen zu finden, Potentiale zu entfalten und Projekte, Universitäten und Forschungsinstitute zu vernetzen.

Info-akademiefuergutesleben@lists.posteo.de                www.facebook.com/akademiefuergutesleben  

           

Ilona Koglin stellte die mit Marek Rohde entwickelte Initiative „Und jetzt retten wir die Welt“ vor, wozu es bereits ein Buch mit praktischen Aktionen für den öko-sozialen Wandel im Alltag gibt, die Initiative startet am 1. Dezember unter

www.jetztrettenwirdiewelt.de

Drei Plattformen dienen der Vernetzung und Verbreitung von Projekten in verschiedenen Städten und Ländern.

Im Wandel folgt dem Motto „Think global, act local!“ und hat zum Ziel,  den Offline-Austausch zu fördern und die lokale Vernetzung sowie den regionalen Konsum zu fördern. Die Regionalportale wie Berlin im Wandel bieten eine Karte, auf der lokale Initiativen und Veranstaltungen markiert sind und einen Eindruck über die Vielfalt der Aktivitäten vermittelt wird.

http://www.imwandel.net/            http://www.berlin.imwandel.net

Die Plattform ecobasa.org widmet sich der globalen Schenkökonomie und bietet die nötige Technologie für den freien Austausch von Erfahrungen, Wissen, Fähigkeiten, Dienstleistungen und Ressourcen.

www.ecobasa.org

Bedingungsloses Grundwissen ist eine Plattform zur Vernetzung von Informationen um Wissen zur Erfüllung der grundlegenden Bedürfnisse bereit zu stellen. Hierzu arbeitet die Gründergruppe daran, Informationen zu erschließen und zu verbreiten.

https://actoria.org

Die im Zegg angesiedelte imaginal bietet Unterstützung bei der Organisation kreativer, inspirierender und verbindender Veranstaltungen an. Die eingesetzten Methoden helfen zu einer ganzheitlichen Vision und aktiven Beteiligung der Teilnehmenden.

http://www.imaginal.at/

Das Geodome-Projekt widmet sich der Planung von nahezu vollständig selbstversorgende, auf Nachhaltigkeit basierende Systemen als Lebensraum für Gemeinschaften.

Ein GEODOME Common Type besteht aus mindestens vier individuellen Wohnmodulen und drei gemeinschaftlich genutzten Modulen sowie zwei Gewächshäusern und einem ausreichend dimensionierten Anbaubereich zur Erzeugung von Bio-Agrarprodukten.

http://geodome-projekt.jimdo.com/

Mehr Infos zur Utopikon:

Utopikon.de           livingutopia.org

 

Bisher veröffentlichte Artikel:

UTOPIKON – eine Konferenz für utopische Ökonomie

Von Christina Ruchel  im forum Nachhaltiges Wirtschaften

Einen großen Schritt weiter auf dem Weg zur Utopie,

von Christiane Kliemann, degrowth.de 

Die Utopie nicht nur denken, sondern leben

von Joyce-Ann Syhre, postwachstum.de

 

 

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